Bunkerabriss in der Arnoldstraße
29. September 2009 | von Chris | Kategorie: Besonderes, WohnkulturMal wieder Pustekuchen im “Gentryviertel” Hamburg-Ottensen? Mit schwerem Gerät wird seit einigen Wochen der Bunker in der Arnoldstraße abgerissen. Aber nicht nur das – der üble Vorgeschmack: Auf der angrenzenden Baustelle entsteht zudem extrem teurer Wohnraum in Ottensen. Stolze 4.092 EUR + 5% Provision soll man z.B. laut Verkaufsunterlagen des einen Bauherren (Grundstück rechts) pro m² Wohnfläche hinblättern. Auf dem Baugrundstück links bauen Familien aus Ottensen in Eigenbedarf. Der Quadratmeter war zwar günstiger, muss den Bauherren aber 3.250 EUR Wert sein (genauere Infos folgen in einem weiteren Beitrag!). Die Anwohner drumherum haben das Nachsehen. Erst wird die Lebensqualität durch Lärm und Baustelle gemindert, dann steigen vermutlich die Mieten für Wohnraum durch die “Aufwertung” der umliegenden Lage. Ein Paradebeispiel für “Gentrifizierung“.
Leider hätten sich die Planer ein wenig verkalkuliert, flattert es in einer eher lieblos formulierten Postwurfmitteilung in die Briefkästen der umliegenden Wohneinheiten herein. Huch, die Bunkerdecke ist 2,00m statt angenommener 1,40m dick. Das ging natürlich nicht aus den “vorhandenen Planungsunterlagen” hervor, die sich die Anwohner “bereits” bei einem Termin im Juni hätten anschauen können. War das also alles Pustekuchen?
Von ca. 7:45 bis 18:00 Uhr (Kernarbeitszeit 8.00 – 18.00 Uhr) wird hier jeden Tag von Montag bis Freitag der Bunker zerlegt. Zwei Bagger hauen dafür den ganzen Tag auf Stahlbeton herum. Drumherum fällt das Wohnen derzeit – gelinde gesagt – schwer. Kindergärten und Horte machen die Türen und Fenster zu, um die Kinder vor dem ohrenbetäubenden Sourroundmodus zu schützen.
“Das haut einem doch glatt die Latte aus dem Macchiato!”
Eine Anwohnerin klagt bereits: “Dieser Lärm ist unerträglich. Trotz Ohrstöpseln hört man noch den Pressluftbagger. Das soll noch schlimmer werden, je weiter der Bunker abgetragen wird. Ich frage mich, wie die Menschen die den ganzen Tag hier in der Gegend sein müssen, diese “Körperverletzung” aushalten?”, berichtet Susanne, die laut eigenen Angaben genau neben dem Bunker wohnt.
Die Redaktion fragte einen Architekten, der an dieser Stelle verständlicherweise nicht genannt werden will, zu den möglichen Auswirkungen des Bauvorhabens. Peter (Name von der Redaktion verfälscht), sagt: “Durch die Erschütterung kann Schall über das Fundament auch an die umliegenden Grundstücke weitergegeben werden. Dabei könnten mindestens Haarrisse, bis hin zu größeren Schäden an den Gebäuden entstehen.” Wir möchten natürlich auch wissen, wie es um die Lärmbelästigung steht und fragen genauer nach. “Die Lärmschutzregeln gehen aus dem “Bundesimmissionsschutzgesetz” hervor”, berichtet Peter. “Ob die eingehalten werden, kann ich allerdings nicht beurteilen.”
Ab wann spricht man von Schmerzgrenze und dauerhaften Schäden?
Der “Umweltmedizinische Informationsdienst”, herausgegeben vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Robert Koch-Institut (RKI) und Umweltbundesamt (UBA) spricht in einer Ausgabe von “Schäden für Kinder ab einer Schmerzgrenze 120 db” (Dezibel). Wenn man gar langfristige Schäden für die Kinder vermeiden möchte, solle ein Lärmpegel von mehr als 85 db (Dezibel) vermieden werden. Aber was ist mit Erwachsenen? Die Frage bleibt offen. Wir fragen uns: Sind diese Baustellen nur ein kleiner Vorgeschmack auf die “Dauerbaustelle Altona”? Manche empfinden Lärm bereits als Körperverletzung. In unserem Film kann man sich auch als Nicht-Anwohner dazu eine Meinung bilden.
Eine Mitteilung aus dem Schreiben “Baustellen-Information”* kann doch immerhin ein wenig beruhigen: “Die Arbeiten zum Bunkerabbruch werden voraussichtlich Mitte/Ende Dezember 2009 beendet sein.” Es bleibt im Sinne der Anwohner zu hoffen, dass die Baustelle zu Weihnachten nicht auch noch die Christbaumkugeln von den Bäumen schüttelt und es auch zwischen den Feiertagen ruhig bliebt. Denn nach dem Bunker-Abriss geht das das Bauvorhaben, für die teuren Wohnlagen im “Erholungviertel Ottensen” erst richtig los.
*Angegebene Verantwortliche auf dem Flugblatt “Baustellen-Information zu dem pinken Grundstück (nicht das Grundstück rechts) – Bauleitung: Huke-Schubert Berge Architekten / Baubetreuung: Altonaer Spar- und Bauverein eG”
Wichtige ergänzende Information: Nach Auskunft des Altonaer Bau- und Sparvereins handelt sich um zwei getrennte Baustellen und Bauvorhaben. Insgesamt entstehen vier Gebäude auf dem pinken Grundstück mit 32 Wohneinheiten für Familien (3-5 Zimmer-Wohnungen). Auf dem Grundstück (in Grau) baut Großmann und Berger drei Gebäude. Pläne hierfür können öffentlich eingesehen werden.
Die Redaktion berichtet demnächst noch in einem Folgebeitrag zu weiteren Details.
Hier ein kleines Video, das den tatsächlichen Lärmpegel etwas verdeutlicht.
Ich wohne genau neben dem Bunker! Dieser Lärm ist unerträglich. Trotz Ohrstöpseln hört man noch den Pressluftbagger. Das soll noch schlimmer werden, je weiter der Bunker abgetragen wird. Ich frage mich, wie die Menschen die den ganzen Tag hier in der Gegend sein müssen, diese “Körperverletzung” aushalten?
Ich wohne ca. 100m Luftlinie vom Bunker entfernt und auch da ist der Lärm ohne Ohrenstöpsel nicht zu ertragen. Die Wohnung als Rückzugsort kann ich im Moment vergessen.
Wie sieht es eigentlich mit dem Schutz vor Asbest beim Abriss aus? Es kann ja davon ausgegangen werden, dass Asbest als Brandschutz im Bunker mitverbaut wurde (war damals ja noch nicht verboten und ein sehr beliebter Baustoff). Ich konnte beobachten, dass die Bauarbeiter teilweise in Schutzkleidung ihre Arbeit verrichten. Von Nachbarn habe ich gehört, dass ihnen geraten wurde Fenster und Türen geschlossen zu halten. Bei Dir auch Susanne?
Wenn man bedenkt, dass direkt unter dem Bunker ein Spielplatz und ein Kindergarten angesiedelt sind…
Und das Ganze wird uns als “Aufwertung” des Stadtteils verkauft. Ottensen entfremdet sich nur immer weiter von seinem alternativen Charme, wenn hier eine fortschreitende Yuppiesierung geduldet bzw. gefördert wird. Zeit für die Stadtflucht.
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Irgendwann wird Ottensen, wo ich schon zum Kindergarten gegangen bin, sein Gesicht verloren haben, alles nur noch Fassade sein und das, was den Stadtteil einmal ausmachte, Geschichte sein.
Auf Dauer ist es nicht mehr kurzweilig, geschäftigen Damen zuzuschauen, wie sie die Alufelgen ihres SUV gewissenhaft am Bordstein zerschroten.
Die Entwicklung ist aber kaum aufzuhalten – bis die Welt in Starbucks und Esprit und Zara und der ganzen langweiligen Uniformität an Langeweile eingeht. Aber Profit haben wir gemacht …
Hall Anwohner, ich sammle Fotos, Fime und Informationen zum dem Bunkerabriss. bin Journalistin und wohne selbst 100 meter Luftlinie, kriege Lärm und Erschütterungen mit. Heike
mail: christine.janshen@web.de
Bei meinen (nahezu täglichen) Gängen über den Spielplatz und Besichtigung der “Bunkerabrissstelle” kann ich alle Anwohner voll verstehen, die über den immensen Krach (und alle weiteren “Begleiterscheinungen”) verärgert sind.
Was ich aber wirklich nicht verstehen kann ist, wieso so ein alter Bunker mit allem wofür er steht nun partout für das “bunte” Ottensen stehen soll. Das kann nicht Euer Ernst sein! Was auch immer jetzt mit der Fläche passiert, es kann nur besser als der Bunker sein und ich bin wirklich froh, wenn das Sch…ding endlich weg ist und ich meiner Tochter nicht mehr erklären muss, wer ihn wann zu welchem Zweck gebaut hat!
Wir wohnen zwei Strassen weiter und unser Haus “bebt” jeden Tag- so stark, dass das Geschirr auf dem Tisch und in den Schränken wackelt. Wir haben versucht uns beim Bauamt zu beschweren, doch da wurde ich von A nach B weitergeleitet und dann wieder nach C und keiner fühlte/wußte/wollte sich dafür zuständig (sein).
Ebenso die Saga- der war es auch “egal” – erst, wenn das Haus eingestürzt ist, vielleicht, solange passiert da gar nix – eben deutsche Behörden!
Zur Gentrifizierung und Denkmalschutz:
Ich traf ca. eine Woche vor dem Abriss des keinen grünen Einzelhauses (das älteste Haus Ottensens- BJ.1856) bei einem Spaziergang vor der Baustelle einen Familienangehörigen, der dort aufgewachsen ist und dessen Familie die Fabrikbesitzer des Geländes waren. Er wollte auch noch mal schauen. Das Grundstück hat er an die Stadt verkauft, wie er mir erzählte. Das ist der Lauf der Dinge, der Besitztümer.
Doch, wenn so ein Haus schon 2 Weltkriege überlebt hat, da frage ich mich, wofür es überhaupt ein Denkmalschutzamt gibt, wenn so ein historisches Gebäude so mir nix- dir nix- dem Erdboden gleich gemacht wird. Einfach aus Geldgier? Wurde in Altona nicht schon genug Bausünde in den 60iger Jahren begangen? Bereits der Kulturwissenschaftler Alfred Lichtwark hat das Wort von der Freien und Abrissstadt Hamburg geprägt, und die Hanseaten gaben sich alle Mühe, dem Ruf gerecht zu werden. Sie brachen die Kaufmannshäuser am Kehrwieder ab, legten den Altonaer Bahnhof in Schutt und beseitigten historische Kontorhäuser wie den Dovenhof. Auch das älteste jüdische Kaufhaus – in der Bahrenfelder Str. wurde für das Juppie- Stadthausprojekt abgerissen. Das komische ist- viele Anwohner sind dagegen – doch was nützt das? Alle schauen zu…und die Bagger können in Ruhe ihre Arbeit verrichten!!! Was weg ist – ist weg – und ehe man sich versieht stehen auch schon die Luxushäuser! Schritt für Schritt – ganz suggestiv – entsteht ein “neues Ottensen”. Na ja, die Stadt braucht halt Geld- bei der Kalkulation der Elbphilharmonie ging die Milchmädchenrechnung nicht auf – und dafür müssen jetzt die altgewachsenen Stadtteile Altona, St.Pauli und Gängeviertel dran glauben.
Am Ende zählt eben nur der Profit!
@ Mami
du würdest deiner tochter also nicht erzählen wofür ein bunker mal gebaut wurde???? auch ne möglichkeit mit deutscher geschichte umzugehen, wir sorgen einfach dafür, das wir immer weniger daran erinnert werden können, aufarbeiten können!
Auch das is wieder nur ein weitere Baustein der “Aufwertung” die dafür sorgt das unsere Gesellschaft vergißt wer sie ist, Hauptsache alles ist Stahl und Glas und Konsum…..
Leute, es ist unsere Stadt! Daran sollten wir uns erinnern und die Damen und Herren der Hamburger Bezirks- und Senatpolitik!
Ja meinn Gott, es war doch klar, dass das Ding irgendwann weg muss. Und auch klar ist, dass in einer so beliebten Ecke irgendwann einmal nicht mehr nur die Dorfgemeinschaft leben wird, die schon Angst bekommt, wenn 5-10 Autos mehr durch Ottensen zu fahren drohen. Ich finde es niedlich, wie angebliche Großstadtmenschen in diesem ach so beschaulichen und familiären Ottensen reagieren. Da hängen Leute, die irgendwo in der Bergiusstr. wohnen, Plakate gegen Ikea auf, ohne zu wissen, was genau Ikea plant. Diese Kleinkrämerei und diese ewigen Sprüche a lá “ich bin echter Mottenburger und ich finde hier jetzt und heute alles nur noch scheiße” kann ich nicht mehr ertragen. Dann gründet doch eine Kommune auf dem Land oder zieht zu den immens kreativen und stets produktiven “Künstlern” (der Brüller überhaupt) ins Gängeviertel. Mittlerweile mache ich mir einen Spaß daraus, zu behaupten, ich sei Werber und eröffnete gerade ein Büro, am Spritzenplatz, das ich für 16€/qm Miete. Die Reaktionen darauf verschönern mir den Tag.
Wenn der Verkehr nicht gerade lauter ist hört man den Krach noch in der Nöltingstraße. Übrigens hätte man aus dem Bunker vielleicht noch ein bischen Abenteuer-Spielplatz machen können(Kletterwand).
ich finde es extrem schade, wie die Erbengeneration in Ottensen einfällt und das liebenswerte Multikultiquartier in ein Viertel der Tiefgaragenfans verwandelt. Alles muss offenbar ins Neoliberale Weltbild passen; Eigentum vor Gemeinnutz. Kommerzialisierung vor Kommunikation. Dabei haben u.a die Anwohner mit UNterstützung von Motte, Fabrik, Werkstatt 3 etc. das ehemalige Arbeiterviertel nachhaltig und sozial geprägt.
Shopping bis zur Bewußtlosigkeit ist kein Lebenswerter Ersatz für einen gewachsenen Stadtteil.
Es grüßt herzlichst der Hirsch vom Hühnerhof