Thalia Gaußstraße: MAMMA MEDEA
25. Juni 2009 | von Simone | Kategorie: Events| 25. Juni 2009 | ||
| 20:00 |
von Tom Lanoye
Sie ist eine der bekanntesten Frauenfigur der europäischen Literatur: Medea, die Heilkundige, der Sündenbock, die Kindsmörderin. In der griechischen Mythologie erscheint sie zum ersten Mal, aber ihr bis heute andauerndes Fortleben verdankt Medea vor allem Euripides’ Tragödie aus dem Jahr 431 v. Chr. Euripides berichtet darin von einem Gemetzel: Weil ihr Mann Jason sie verlassen will, tötet Medea die gemeinsamen Söhne. Doch diese blutige Episode ist lediglich das letzte Kapitel der langen Geschichte von Jason und Medea. Ihren Anfang nimmt sie in Kolchis, und dort lässt auch Tom Lanoye seine Überschreibung des Mythos beginnen.
In Kolchis herrscht Medeas Vater Aietes. Fremde landen an seinem Strand: die Argonauten. Jason, ihr Anführer, soll das Goldene Vlies, ein kostbares Widderfell, zurück in die Heimat holen. Aietes willigt ein – um den Preis einer übermenschlichen Probe. Besteht Jason sie, gehört das Vlies ihm. Besteht er sie nicht, wird er sterben.
Als Medea Jason das erste Mal sieht, weiß sie nicht, wie ihr geschieht. „’S ist gegen jede Regel der Natur, / Für einen Feind zu beten und zu heuln,“ begehrt sie auf und kann sich doch gegen die Faszination nicht wehren, die Jason auf sie ausübt. Medea entschließt sich: zum Bruch mit der Heimat, zum Verrat des Vaters, dazu, Jason zu helfen. Es ist der Auftakt zu einer langen Reise der Leidenschaften, der Gier, der Einsamkeit und des Verlusts. Bis zur Katastrophe.
Dauer 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause
“Mamma Medea” in Hamburg
Der Mann will alles
Warum sind sich Jason und Medea so fremd? Weil sie, so die gängige Interpretation, die Medeas Tragödie immer wieder aktuell macht, bei aller Liebe aus verschiedenen Welten kommen: Jason, der vermeintlich so zivilisierte, ziemlich bornierte Grieche, und Medea, Tochter des Fürsten von Kolchis, die archaisch denkende und nach überkommenen Regeln handelnde “Barbarin”.
Auch in der Hamburger Inszenierung von Jorinde Dröse im Thalia in der Gaußstraße ist das so: In ihrer “Mamma Medea”, der klugen, erfolgreichen Neufassung von Euripides’ Tragödie durch den Belgier Tom Lanoye, trampeln Jason und seine Griechen als ignorante Touristen mit Kolonialgebaren ins Land der Kolcher und versuchen, die stolzen, in strengem Schwarz gekleideten Einheimischen mit albernen geschenkten Käppis dazu zu kriegen, ihnen das Goldene Vlies rauszugeben.
Dennoch ist das bei Dröse nicht das Hauptproblem. Die verschiedenen Welten, die die junge Regisseurin da auf einer schmutzigen einfachen Plane aufeinanderprallen lässt (Bühne: Anne Ehrlich), sind vor allem die von Frau und Mann. Oder vielmehr: Die einer Erwachsenen und die eines unreifen Jungen, der alles will – Abenteuer, Karriere, Spaß – nur eins nicht: sich festlegen. Genau das ist es aber, was Medea von ihm verlangt. Dabei war es eigentlich sein Leichtsinn, in den sie sich verliebt hat. Das ist die Tragik von heute.
Die Dialoge, die Lanoye dem streitenden Paar geschrieben hat, sind schön nah am Alltag, und Dröse inszeniert das mit Witz und Ironie, in dem Wissen, dass in jedem Klischee auch Wahrheit steckt – so wie sie auch die Nebenfiguren liebevoll karikiert. Judith Hofmann etwa als Kirke im schmuddeligen Ballerina-Kostüm scheint auf einem Trip hängengeblieben zu sein (Kostüme: Bettina Schürmann). Aber die Regisseurin verliert sich nicht in den Einfällen, sondern treibt die Geschichte stringent voran. Alexander Simon spielt den Jason als kraftvollen Pragmatiker, Leila Abdullah die stolze, vom Liebesrausch überwältigte Medea. [...]
Am Schluss, nach einer finalen Brüllarie des desolaten Paares, erschießt Medea, so will es Lanoye, erst ihren einen Sohn, dann den anderen. Da sind sich die ehemals Liebenden plötzlich so nah wie seit langem nicht. Und nun? Mit leerem Blick sitzen sie vor ihrem Wohnwagen, dem Heim für Heimatlose.
Frankfurter Rundschau | Anke Dürr | 16. Januar 2009
