Vom Papierbedarf zum Bücherblühen
30. Juni 2008 | von Julika | Kategorie: Altona, Interview, Leute
Im Juni hat die Buchhandlung Christiansen offiziell ihr 130-jähriges Jubiläum gefeiert. Sie ist somit die älteste Buchhandlung Hamburgs in Familienbesitz. Das alteingesessene Familienunternehmen ist dennoch alles andere als verstaubt. Mit viel Engagement und Nähe zu den Bewohnern ihres Stadtteils hat sich die Buchhandlung zu einer Institution entwickelt, die aus Ottensen nicht mehr wegzudenken ist. Hier zählt noch Beratung und der Kunde ist wirklich König. Das sind Werte, mit denen die Filialen der großen Buchketten nicht mithalten können.
Und genau diese kleineren, individuellen Läden, wie die Buchhandlung Christiansen, machen ja auch das typische Flair Ottensens aus.
Wir wollten diese Buchhandlung näher kennenlernen und haben Geschäftsführerin Nicole Christiansen und Sigrid Lemke, die für die Organisation der Buchhandlung verantwortlich ist, in ihren Räumlichkeiten besucht.
ottensen.info: Erst einmal herzlichen Glückwunsch zum großen Jubiläum! 130 Jahre Christiansen – schon immer auch in diesen Geschäftsräumen?
Christiansen: Wir sind seit 1878 in der Bahrenfelder Straße 79 ansässig. Also seit unser Firmengründer Theodor Christiansen die Buchhandlung und damals auch „Lehrmittelagentur“ gegründet hat. Papier- und Schulbedarf war gefragt, denn in Ottensen gab es zu dieser Zeit eine wirtschaftlich aufstrebende Stimmung. Es entstanden große Fabriken und immer mehr Menschen zog es nach Ottensen, da es viele Arbeitsplätze gab. Entsprechend entstanden auch neue Schulen. Die Schule in der Rothestraße, das Gymnasium Altona und die Schule in der Bleickenallee sind uns ja auch heute noch bekannt.
ottensen.info: Nennen Sie uns bitte kurz die wichtigsten Meilensteine seit Bestehen der Buchhandlung!
Christiansen: Da ist natürlich einmal die Gründung 1878 zu erwähnen und dann die traurige Tatsache, dass das schöne große Geschäftshaus während des Zweiten Weltkrieges bei einem Bombenangriff 1943 völlig zerstört wurde. Hier lag alles in Schutt und Asche. 1949 wurde das Geschäft wiedereröffnet. Allerdings war aus finanziellen Gründen nur der Bau eines kleineren Hauses möglich. Aber wir waren wieder da! Und das freute die Ottensener. Ein weiterer Meilenstein war die Entscheidung, die Buchhandlung zu einer Vollbuchhandlung umzustrukturieren und sich von dem Papierbedarf, der uns während des Krieges unsere Existenz gesichert hatte, zu trennen.
Durch Günther Christiansen gewann die Buchhandlung dann an Popularität, denn 1979 wurde er zum Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gewählt, welches das höchste Amt im Engagement für den Deutschen Buchmarkt ist. Dieses Amt hatte er neun Jahre inne und in dieser Zeit durfte er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels in der Paulskirche überreichen. Vielen Ottensener war das bekannt. Und wir waren alle sehr stolz auf ihn. Günther Christiansen ist leider vor 5 Jahren gestorben. Das war das Jahr unseres 125-jährigen Jubiläums. Die großen Feierlichkeiten haben wir dann aus diesem Grund ausfallen lassen. Daher feiern wir in diesem Jahr unser 130-jähriges Jubiläum ganz besonders groß und wollen damit an die vergangene Zeit erinnern.
Eine wichtige Entscheidung traf Günther Christiansens Sohn Sönke, der vor über 10 Jahren in vierter Generation die Buchhandlung übernahm. Er musste sich den neuen wirtschaftlichen Entwicklungen im Buchhandel stellen. Denn ein Jahr nachdem er das Geschäft übernommen hatte, eröffnete im Mercado eine 1000 qm große Buchhandlung. Die kleine Buchhandlung Christiansen stand nun vor großen Herausforderungen. Dank unser Spezialisierung für Belletristik, Kinder- und Jugendbücher und dem Engagement unserer informierten Buchhändlerinnen, haben wir es aber geschafft den Fortbestand unserer Buchhandlung zu sichern! Leider ist das vielen Buchhändlern in unserer Größe in anderen Städten nicht gelungen. Wir haben außerdem eine ganz große Stammkundschaft unter den Ottensener Kunden mit einer bleibenden Treue, die schon teilweise über mehrere Generationen weilt. Wir kennen viele unserer Kunden persönlich. Das ist schon etwas Besonderes!
ottensen.info: Eine Buchhandlung in Ottensen, was heißt das für Sie?
Lemke: Eine Stadtteilbuchhandlung, die sehr nah an den Menschen ist und ihre Kunden gut kennt, sollte auch das Sortiment führen, was die Kunden wollen und was in ihrem Interesse ist. Das erfüllen wir, denke ich.
Unsere Kundschaft spiegelt schon gut die Bevölkerung Ottensens wider. Von der 75-jährigen Rentnerin, die schon vor 50 Jahren hier die Bücher für ihre Kinder gekauft hat, bis hin zu den jungen Leuten, die hierher kommen, weil der Laden angesagt ist, kommen alle.
ottensen.info: Welche Veranstaltungen bieten sie in Ottensen an?
Christiansen: Da machen wir einiges. Wir organisieren zum Beispiel seit ungefähr 10 Jahren viele Büchertische auf der Literatur-altonale. Es ist mir persönlich sehr wichtig, dass wir mit unserer Buchhandlung rausgehen, uns den Menschen öffnen und eine Vernetzung im Stadtteil entsteht. Von uns kommt auch das “Bücherblühen”: In den vielen Cafés und Bars, die es in unserem Stadtteil gibt, finden sie Bücher von uns, die wir dort auslegen. Die Besucher können dort dann lesen während sie Kaffeetrinken und verweilen. Das ist zum Beispiel eine Aktion mit der wir zeigen wollen, dass wir uns mit dem Stadtteil verbunden fühlen und uns interessiert, was hier los ist. Außerdem sind wir mit den Schulbibliotheken eng verbunden und versuchen zu unterstützen, so weit wir das können.
Lemke: In der Grundschule in der Rothestraße organisieren wir jährlich eine Lesewoche. Da sind Frau Christiansen und ich auch immer mit dabei und stellen die neuen Bücher vor. Diese können sich die Kinder dort dann eine Woche lang anschauen. Wir geben auch Tipps für die Eltern, zum Beispiel welche Neuheiten wir empfehlen.
Wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit dem Kultwerk West in der Großen Bergstraße, die zweimal in der Woche ganz interessante kulturelle Veranstaltungen zu verschiedenen Bereichen anbieten. Zum Thema Literatur arbeiten wir sehr eng mit ihnen zusammen.
ottensen.info: Welche Bücher kaufen die Ottensener bei ihnen am liebsten?
Lemke: Gute Belletristik, also eher anspruchsvolle Romane. Und die Ottensener sind sehr interessiert an Neuerscheinungen und wissen gut Bescheid, was gerade neu herausgekommen ist. Momentan ist natürlich das neue Buch von Sigfried Lenz “Schweigeminute” und der Titel “Taxi” von Karen Duve angesagt. In ihrem Roman erzählt sie von ihren Taxifahrten in den 80er Jahren in Hamburg.
ottensen.info: Gibt es Literatur aus Ottensen bzw. mit Handlungsort Ottensen, wenn ja welche?
Lemke: Da sind zum Beispiel die Krimis von Robert Brack zu nennen, der hier auch im Stadtteil wohnt. Er hat verschiedene Kriminalreihen geschrieben. Eine spielt ganz aktuell in Ottensen, eine junge Privatdedektivin ist die Hauptfigur. Und Robert Jarowoy, ein engagierter Ottensener Bürger, der zwei Romane über politische Aktivitäten hier im Stadtteil geschrieben hat. Einmal geht es um den Abriss des Bismarckbades und im zweiten Roman geht es um Grundstücksspekulationen.
Was gefällt ihnen an Ottensen besonders gut?
Lemke: Was wahrscheinlich fast alle sagen würden. Dass es immer noch eine breite Vielfalt der Bewohner gibt. Also nicht nur Yuppies oder Lehrer, sondern dass nach wie vor noch alle Schichten vertreten sind. Die Elbe ist übrigens mein Lieblingsplatz.
Christiansen: Was mir hier gefällt sind die Menschen. Ich finde, dass das hier ein Ort ist, wo ganz viele interessante, symphatische, offene Menschen leben und dass man ganz leicht mit ihnen ins Gespräch kommen kann. Nicht nur über meinen Arbeitsplatz, sondern auch privat habe ich das immer wieder erfahren. Unsere Kinder sind hier in den Kindergarten und zur Schule gegangen und daraus sind viele tolle Kontakte erwachsen, die mich bis heute inspirieren und mich auch als Buchhändlerin auf viele Ideen gebracht haben. Man kann in Ottensen viele tolle Sachen machen. Es gibt zum Beispiel viele kulturell interessante Veranstaltungen. Das macht das Leben hier nicht langweilig! Manchmal denke ich, es ist fast schon etwas zu viel. Man schafft gar nicht alles wahrzunehmen. Ich glaube, dass uns viele Menschen darum beneiden können, dass wir in einem so bunten, interessanten, spannenden Stadtteil leben – und dann auch noch so Elbnah.
ottensen.info: Sie feiern schon Ihr 130-jähriges Jubiläum, unser Stadtteilportal ist erst neu im Aufbau! Was wünschen Sie ottensen.info?
Christiansen: Ich finde die Idee mit ottensen.info ganz toll! Ich glaube, dass genau so ein Forum für die Menschen hier im Stadtteil wichtig ist und noch gefehlt hat. Dass ottensen.info dieses jetzt bietet, finde ich großartig! Ich wünsche ihnen ganz viel Glück bei ihrem Projekt!
Lemke: Dem kann ich mich nur anschließen!
Das Interview führte Julika Solf
Buchhandlung Th.Christiansen GmbH
Bahrenfelder Straße 79
22765 Hamburg
Telefon 0 40/ 3 90 20 72 oder 39 35 88
Telefax 0 40/3 90 68 87
Internetseite der Buchhandlung Christiansen
Öffnungszeiten:
Montag – Freitag
9 .30 – 19.00 Uhr
Samstag
9 .30 – 16.00 Uhr


